Die Legende vom "Auge"

Das gesammelte Wissen des Kaers und eine Übersicht über die Kampagne
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Ben
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Registriert: Fr 16. Feb 2007, 14:39
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Über das Auge
(Nach den Worten von B'kul)
Das Auge ist nur ein Gerücht gewesen, ein Mythos in der Unterwelt von Marrek, aber auch in anderen Städten am Mittellauf des Schlangenflußes. Hier in Weißklippe tauchte der Name nie auf. Das Auge trat nie persönlich auf, sondern hatte immer seine Handlanger, auch wenn es immer wieder hieß, daß er - oder sie, auch das ist nicht wirklich bekannt - selbst einige spektakuläre Einbruchsdiebstahle hinter sich gebracht hat, von denen der kleine Dieb nur träumen konnte. Das Auge war eine seltsame Mischung aus Großzügigkeit und Rücksichtslosigkeit. Es hat nur selten jemanden töten lassen. Wenn jemand nicht für es arbeiten wollte, haben die Handlanger die Person immer wieder belästigt, eingeschüchtert oder so lange bestohlen, bis diese schließlich eingewilligt hatten.
Ebenso die Händler. Das Auge bot ihnen Schutz an. Wenn der Händler ablehnte, wurden sämtliche Diebe und Piraten auf ihn angesetzt, bis der Händler zahlte, Pleite ging oder in eine andere Gegend Barsaives floh, was damals aber nur selten möglich war.
Wer einwilligte war jedoch sicher und auch jene, die für das Auge arbeiteten wurden immer gut versorgt. Glaubt man den Gerüchten, so haben diese Diebe eigentlich nur noch aus Langeweile gearbeitet, nicht mehr, weil sie es nötig hatten.
Angeblich hat das Auge seine Beute auch mit den ärmsten Leuten in Marrek geteilt, weswegen es bei diesen Leuten immer Schutz finden konnte.
Wie gesagt, ich weiß nicht, wieviel davon Wahrheit ist und wieviel nur Legende. Dies ist, was die einfache Bevölkerung über diesen Dieb erzählt hat.
Die Händler und die reichen Adligen haben ihn hingegen zu einen gnadenlosen Halbdämon gemacht, der ihnen die Haare vom Kopf stehlen würde. Nur die überragenden Fähigkeiten ihrer Wachen sei es zu verdanken, daß niemand größeren Schaden erlitten hat und ähnliche Geschichten.
Ach ja, den Namen hat es sich selbst gegeben. Angeblich deshalb, weil es durch sein Netzwerk immer alles und jeden beobachten konnte.
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Ben
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Wie alles begann
Marrek, Sommer 1047 TH
Palik Hohenstein stand vor einer schwierigen Entscheidung. Von seinem Fenster konnte er die gewaltige Kuppel sehen, die den Schutz vor den Dämonen bieten würde, die nun immer zahlreicher die Berge und den Fluß, ach, die ganze Welt!, terrorisierten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Marrek, Throal, Weißklippe und die wenigen anderen Städte, die noch offen waren, ihre Tore schließen würden. Schließen mussten.
Er war nur ein kleiner Adliger in der Gesellschaft Marrek, erfolgloser Magistrat des Händlerviertels, dem es nie gelang, die Organisation des "Auges" zu zerschlagen, die den Händlern so zusetzte. Seit zwanzig Jahren bemühte er sich redlich, wie jeder in Marrek, von den Kaufleuten bis hinauf zum König, anerkannte.
Natürlich ahnte niemand, daß der Grund für seine Erfolglosigkeit und die fast schon hellseherischen Fähigkeiten des Auges, den Maßnahmen des Magistraten zu entgehen, sehr einfach waren: Das Auge, der gerissene Meisterdieb mit einer den halben Schlangenfluß beeinflussenden Organisation, war niemand anderes als Magistrat Palik Hohenstein selbst.
Dies bedeutete, daß er einer der mächtigsten Menschen an diesem Teil des Flusses war und erst drei Jahre zuvor die Kronjuwelen der Königin von Marrek gestohlen hatte.
Und doch konnte ihm all seine Macht, all seine Cleverness nicht das geben, was für ihn noch wichtiger war, als alle Schätze, die er gestohlen hatte.
Er wird nicht kommen! Ich sehe ihn nie wieder!
Nevo, sein einziger Sohn war vor fünf Jahren nach Weißklippe gezogen, wo er die bezaubernde Carla geheiratet hatte. Es war in der nahenden Dunkelheit der schönste Lichtblick gewesen. Das Paar hatte inzwischen zwei Töchter, erst im vergangenen Winter hatte ein Schiff den Brief mit der freudigen Nachricht der Geburt des zweiten Kindes nach Marrek gebracht. Er würde seine Enkeltochter wohl nie sehen. Wenigstens die Ältere hatte er einmal in den Armen halten dürfen. Das war jetzt fast zwei Jahre her und seitdem hatte er Nevo und seine Familie nicht mehr gesehen. Er wünschte, seine Frau hätte dies noch miterleben dürfen.
Was hält mich hier noch? fragte er sich plötzlich. Das Netzwerk wird unterbrochen durch die Dämonen und meine Diebe werden schon schnell einen Nachfolger finden! Meine Familie ist tot oder woanders. Niemand wird mich vermissen!
Kurzentschlossen packte er die wichtigsten Dinge zusammen, Kleidung, Andenken, Geld und natürlich seine Beute. Überall in der Stadt hatte er in Wohn- und Lagerhäusern kleine Verstecke angefertigt, die meisten davon im Händlerviertel. Wann immer ein Händler ein neues Geschäft oder Lager bauen wollte, sorgte er dafür, daß im Keller eine kleine Geheimkammer eingebaut wurde, in der er die wertvollsten Schätze lagerte. Selbst das Hochzeitsbild seines Sohnes befand sich in einem der Verstecke, seit ein dummer T'skrangdieb vor zwei Jahren versuchte, das Kunstwerk zu stehlen. Der Narr war einer der wenigen, die jemals erfahren hatten, wer das Auge wirklich war - kurz bevor seine Leiche in den Fluß geworfen wurde.
Eiligst suchte er seine Verstecke auf, doch unglücklicherweise kam er nicht mehr an das Bild heran. Zuviele Leute waren im Weg und sein Schiff würde bald ablegen.
Schweren Herzens gab er das Porträt und die anderen Schätze dort auf und bestieg das Schiff. Zumindest die Kronjuwelen der Königin würden Marrek für immer verlassen - wenn sie nicht irgendwer einmal nach der Plage dorthin zurückbringen würde.
Und doch ärgerte es ihn, daß er das Porträt zurücklassen mußte, als er von Deck einen letzten Blick auf seine Heimat warf.

Weißklippe, Herbst 1047 TH
Palik Hohenstein saß auf dem letzten Wagen, der durch das Labyrinth in Richtung Kaer fuhr. Er sah nicht zurück. Er wollte das Elend nicht sehen.
Zunächst war die Freude des Wiedersehens groß gewesen. Sein Sohn Nevo war ein talentierter Goldschmied geworden, also hatte er seine Vorliebe für Gold und Schmuck in eine ehrlichere Richtung als sein Vater entwickelt. Carla war noch wundervoller, als er sie in Erinnerung hatte und seine Enkel waren sein ganzer Stolz.
Doch dann kam der Tag, der alles änderte. Vom Nordwesten zog ein Unwetter auf. Dunkle Wolken regneten auf die Welt herab. Doch es waren kleine, gefräßige Würmer, die zu Boden fielen und die Leute angriffen. Obwohl die Adepten und vor allem die Magiergilde sofort zur Stelle waren, starben zehn Namensgeber, aufgefressen von den Würmern. Eine davon war Carla.
Palik war geschockt, doch für Nevo war die Welt untergegangen. Sein starker Sohn war nur noch ein gebrochener, trauernder Mann, der kaum noch die Kraft hatte, sich um seine Kinder zu sorgen. Er lag nun zitternd und wimmernd mit den Kindern hinten auf den Wagen zwischen Säcken und Koffern und umklammerte den Armreif, den er seiner Frau zur Hochzeit geschmiedet hatte. Hätte Palik ihn nicht zum Wagen gezogen, er wäre in seinem Haus draußen geblieben, bis er verhungert wäre oder die Dämonen ihn gefressen hätten.
Der Wagen holperte ein wenig, als er die Grenze eines Abschnitts erreichte. Das Labyrinth war so angelegt, daß sich Teilstücke der Gänge immer wieder verschieben würden und so für einen besseren Schutz des Tores sorgen sollte. Das bedeutete leider, das der Boden ein wenig uneben war.
Die kleine Seala, die bis gerade eben geschlafen hatte, wachte auf und begann plötzlich vor Schreck zu weinen. Nevo zuckte zusammen und trat dabei gegen einen Sack, der daraufhin zu Boden fiel, doch weder Palik noch Nevo hörten oder sahen es.
Die Kronjuwelen von Marrek blieben im Labyrinth von Weißklippe zurück, als der Wagen weiterfuhr.
Nevo zog seine Tochter zu sich und ließ sogar den Armreif los.
Als sie den nächsten Abschnitt erreichten und der Wagen weiter holperte, rutschte der Armreif immer näher an die kleine Lücke zwischen Boden und Wagenwand und als sie den letzten Abschnitt erreichten, fiel er zu Boden.
Der Wagen verließ das Labyrinth, während Nevo noch immer mit den Kindern beschäftigt war und Palik mit dem Ochsen, der den Wagen zog und fuhr hinein ins Kaer. Hinter ihnen wurde sofort das Tor geschlossen und die Magie des Labyrinths aktiviert.
Erst als es längst zu spät war entdeckten Vater und Sohn den Verlust ihrer Schätze

Weißklippe, Winter 1067 TH / 20
Großvater lag im Sterben. Seala wußte das. Sie akzeptierte es. Der alte Mann war deutlich über 80 Jahre alt. Nur wenige Menschen hatten das Glück, überhaupt so alt zu werden. Palik Hohenstein hatte sie und ihre ältere Schwester Raelle nach dem Tod ihrer Eltern aufgezogen. Er hatte alles für sie getan und ihnen sogar den Weg des Diebes gelehrt, der hier im Kaer wenig angesehen war. Das Auge hatte er sich einst genannt, in einer anderen Welt. Draußen. Jenseits der Mauern des Kaers.
Raelle hatte es deutlich schwerer, sich mit dem Unvermeintlichen Abzufinden. Der Tod ihrer Eltern in frühester Kindheit hatte sie jahrelang traumatisiert. Sie konnte, wollte einen weiteren Verlust nicht akzeptieren.
"Du mußt mich gehen lassen, Raelle." sagte Großvater schwach. "Nicht einmal ich kann dem Tod weitere Jahre stehlen. Ich würde einiges dafür geben, aber meine Zeit ist gekommen. Lebt wohl. Vergesst mich nicht. Ihr seid mein ganzer Stolz."
Kurz darauf starb Palik Hohenstein.
Unter Tränen schwor Raelle Hohenstein: "Du wirst nicht in Vergessenheit geraten! Ich werde deine Disziplin an meine Kinder weitergeben und diese an ihre. Solange ich und einer meiner Nachkommen am Leben ist, soll das Auge die Unterwelt der Stadt beherrschen! Ich werde diesen Namen tragen und meine Nachkommen werden dies tun! Das schwöre ich!"
Seala schüttelte traurig den Kopf. "Ich werde an deiner Seite sein, Schwester, aber meinen Nachkommen werde ich diese Bürde nicht aufzwingen."
"So soll es sein!" antwortete Raelle entschlossen.
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